Jüdische Kultur in
     

 

Eingang zur Synagoge
Zeichnung: © Peter Petri

 

Die jüdische Gemeinde

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Pitigliano ist außergewöhnlich. Bedingt auch durch Vertreibungen aus dem Vatikanstaat (die Grenze zu Latium, dem damaligen Kirchenstaat, ist nur 5 km entfernt) zogen seit der Mitte des 16 Jahrhunderts immer mehr Juden nach Pitigliano. Dort entwickelte sich im Lauf der Zeit ein blühendes jüdisches Kulturleben.

     

Die Ereignisse von

 

Im 19. Jahrhundert verbesserten sich die Verhältnisse für die Juden in Italien. Der jüdische Anteil der Bevölkerung von Pitigliano erreichte um 1850 fast 20% - einmalig in Italien. Als nach der Einigung des Landes die Juden rechtliche Gleichstellung erreichten, sank ihr Anteil in Pitigliano, weil viele Familien den Ort verließen, um in den größeren Städten ihr Glück zu versuchen. 1931 hatte jüdische Gemeinde nur noch etwa 70 Mitglieder und wurde mit der von Livorno vereinigt.

In den dreißiger Jahren verschlechterte sich die Situation der Juden zunehmend. Ab etwa 1936 setzte massive antisemitische Propaganda ein und nach der Einführung der Rassegesetze 1938 wurde die Situation der verbliebenen Juden untragbar. Wer konnte, emigrierte, andere wurden deportiert. Durch glückliche Umstände und nicht zuletzt durch die Hilfe von nichtjüdischen Italienern, die ihr Leben aufs Spiel setzten, haben aber offenbar alle Juden, die in dieser Zeit noch in Pitigliano lebten, die die Zeit der Verfolgungen überlebt.

Heute gibt es keine jüdische Gemeinde mehr in Pitigliano, aber das kulturelle Erbe wird gepflegt. Die eindrucksvolle Synagoge wurde restauriert, dort finden Kulturveranstaltungen statt. Auch der rituelle "forno delle azzime" (der Koscher-Ofen), der früher einmal im Jahr in Betrieb genommen wurde, ist wieder zugänglich. Außerdem gibt es einen großen jüdischen Friedhof, der auf Voranmeldung besucht werden kann.

Pitigliano ist auch durch seinen Wein bekannt. Preisgekrönt ist der "Bianco di Pitigliano", von dem es eine koschereVersion gibt, die in den letzten Jahren immer beliebter geworden ist. Auch einen guten koscheren Rotwein gibt es.

In diesem Jahr wurde die Toskana zweimal von der napoleonischen Armee eingenommen. Zwischen den beiden Eroberungen verbreitete eine christliche Bewegung namens "Viva Maria" von der Stadt Arezzo aus die antijakobinische Ideologie. Unter dem Schutz dieser gegenrevolutionären Bewegung versuchte eine Gruppe von Soldaten der nahegelegenen Stadt Orvieto die jüdische Gemeinde von Pitigliano anzugreifen und zu berauben.Solche Ereignisse geschahen im selben Jahr auch in anderen Städten der Toscana. Aber nur in Pitigliano kam es dazu, daß die Bevölkerung, Juden und Nichtjuden gemeinsam die Aggressoren aus der Stadt warfen.

Aus Anlaß des 200. Jubiläums dieser Ereignisse hat die Stadt am 5.9.1999 eine Veranstaltung durchgeführt, "Die Jüdische Gemeinde und die Fakten von 1799" moderiert von Signora Elena Servi. Roberto Salvadori, ein engagierter Historiker, der neben Giuseppe Celata wohl beste Kenner der jüdischen Geschichte von Pitigliano, hat dabei detailliert die Ereignisse von 1799 referiert.

Mehr zur jüdischen Kultur von Pitigliano sehen Sie auf den Seiten von Eytan Kahn:

Pitigliano -
das "Kleine Jerusalem"

Wenn Sie mehr erfahren wollen, schreiben Sie an

Eytan Kahn
Der Innenraum der Synagoge
       
Ein Interview mit Frau Elena Servi

Vorsitzende des Vereins
"La Piccola Gerusalemme"
("Klein-Jerusalem")
in Pitigliano über die Geschichte
der jüdischen Gemeinde
Für Interessierte und Spezialisten:
Hier lesen Sie einige Seiten aus der "
Antrittsrede, gehalten vom Rabbiner Donato Camerini im israelischen Tempel von Pitigliano am Abend des 17. Januar 1890" (deutsche Übersetzung des italienischen Textes)

   
Literatur
  Links
 

Roberto Salvadori: La comunità ebraica di Pitigliano, dal XVI al XX sec., Firenze 1991

Giuseppe Celata: Gli Ebrei a Pitigliano - I quattro Secoli di una Comunità Diversa, Pitigliano 1995

Riccardo Pivirotto - Monica Sideri: L'ebreo errante, Orbetello 1997

Edda Servi Machlin: The Classic Cuisine of the Italian Jews, New York 1981. Wie schon der Titel sagt, ein Buch, bei dem es ums Essen geht, aber enthalten sind auch ineressante Beschreibungen des Alltagslebens von Pitigliano aus den 30er und 40er Jahren.

Edda Servi Machlin: Child of the Ghetto, New York. Hier beschreibt die Autorin ihre Jugendzeit in Pitigliano während der Verfolgungen.

 

Eytan Kahn ist Mitinitiator der 1799-1999 Veranstaltung, hier seine Pitigliano-Seiten "Das Kleine Jerusalem" (italienisch/englisch/deutsch).

Itinerario Ebraico: Kurzer Abriß der Geschichte und Kultur von jüdischen Gemeinden der Toscana einschließlich 2 Seiten über Pitigliano mit Bildern der Stadt und der Synagoge (italienisch).

Restaurationsprojekte Beschreibung von Restaurationsprojekten, die mit öffentlichen Geldern gefördert wurden, darunter auch die Synagoge (italienisch).

Wolfgang Pruscha Seine Seiten über Deutschland und Italien, mit einer Riesenmenge an Information, darunter ein interessanter Artikel zum Antisemitismus in Deutschland (italienisch/deutsch)

   
Führungen

Wenn Sie Interesse haben, die Orte jüdischer Kultur kennenzulernen, wenden Sie sich bitte an den Verein "Piccola Gerusalemme". Weitere Informationen finden Sie hier.
   
  Ausstellung in Berlin:

PARADISO@DIASPORA

Im November / Dezember 2000 veranstaltete in Berlin die Berliner Künstlergruppe "Meshulash" zusammen mit italienischen Künstlern eine Ausstellung zum Thema "Jüdisches Leben in Italien" unter dem Titel "Paradiso@Diaspora". Die Ausstellung fand im Rahmen der jüdischen Kulturtage statt. Einige der Teilnehmer beschäftigten sich bei ihren Beiträgen mit Pitigliano. Ich habe aus meiner nichtjüdischen Perspektive zur Ausstellung das Bild "La Piccola Gerusalemme" beigesteuert, ein ironisches Spiel mit Motiven aus der jüdischen Geschichte und Gegenwart Pitiglianos.
Ausschnitt
das ganze Bild sehen Sie hier
   
 
oben: Die "Cantina Cooperativa", der grosse genossenschaftliche Weinerzeuger von Pitigliano, produziert neben einigen anderen Weinen auch den koscheren "La Piccola Gerusalemme" in rot und weiss. oben: Die Synagoge vom Tal aus